Zum Weltfrauentag niemanden zurücklassen

Warum Frauen mit Behinderungen oft unsichtbar sind.
Drei Frauen unterschiedlichen Alters sitzen entspannt in einfachen Handbike-Rollstühlen. Die Frau links trägt ein blaues T-Shirt und eine bunte Hose. Die Frau in der Mitte trägt ein hellblaues Kleid und schaut stolz in die Kamera. Das Mädchen rechts dreht sich den anderen beiden zu. Im Hintergrund runde, rotbraune Hütten und Sonnenschein. (c)Gregor Kuntscher, 2017

Am 9. März kommt die Weltgemeinschaft in New York zur 64. UNO-Frauenrechtskommission (CSW) zusammen. Dabei besteht die Gefahr, dass 20 Prozent aller Frauen vom Scheinwerfer der Öffentlichkeit ausgespart werden.

Meilensteine für Frauen und Mädchen

Seit nun 5 Jahren schreibt die Agenda 2030 Geschlechtergerechtigkeit und Empowerment groß. Nicht nur im spezifischen Entwicklungsziel SDG 5, sondern quer durch die Agenda zieht sich der rote Faden der Frauenrechte. Jedoch besteht ein verheerender Fehler: Frauen und Mädchen mit Behinderungen bleiben unerwähnt.

Vor 20 Jahren verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat seine Resolution 1325 zum Schutz von Frauen in Konfliktsituationen. Dieser zentrale Text, der erstmals eine Genderperspektive auf Sicherheitsthemen einnimmt, schreibt zum Beispiel die Beteiligung von Frauen an Friedensverhandlungen vor. Die Schweiz unterstützt die Resolution aktiv, im Nationalen Aktionsplan zu ihrer Umsetzung werden Frauen mit Behinderungen jedoch nicht einmal erwähnt, konkrete Aktivitäten fehlen ganz. Und auch bei den Inhalten der CSW-Sitzung sind bislang keine konkreten Punkte zur Verbesserung der Situation von Frauen und Mädchen mit Behinderungen zu finden.

1 von 5 Frauen und Mädchen weltweit haben eine Form von Behinderung

Unsichtbarkeit hat Folgen

Die Missachtung von Frauen mit Behinderungen – jede fünfte Frau weltweit hat eine Form von Behinderung – hat direkte Auswirkungen:

•Nur 57 % der Mädchen mit Behinderungen weltweit haben zumindest einen Volksschulabschluss, im Vergleich zu 86 % der Mädchen ohne Behinderungen.

•45 % der Frauen mit Behinderungen weltweit können lesen und schreiben, im Vergleich zu 71 % der Frauen ohne Behinderungen.

•Die Beschäftigungsrate für Frauen mit Behinderungen weltweit liegt bei 19,6 %, im Vergleich zu den ohnehin niedrigen 29,9 % für Frauen ohne Behinderungen.

•70 % aller Frauen mit Behinderungen haben in ihrem Leben Gewalterfahrungen gemacht. 

Frauen und Mädchen mit Behinderungen ziehen den Kürzeren, wenn es um Ressourcenverteilung, Zugang zu Gesundheit und Bildung, Anerkennung ihrer Rechte und ihrer sexuellen sowie reproduktiven Rechte geht. 

Verbesserte Umsetzung der SDGs

Umso wichtiger ist es daher, das Grundprinzip der SDGs – niemanden zurückzulassen – ernst zu nehmen und benachteiligte Gruppen nicht nur sichtbar zu machen, sondern ihre Mitsprache überall zu gewährleisten. Dies ist auch ein Auftrag an die schweizerische Regierung und die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit.

Genau jetzt ist der Moment, um die Marginalisierung von 20 % aller Frauen weltweit aufzubrechen und die wichtigsten Baustellen anzugehen:

•Intersektional und inklusiv handeln: Auch Instrumente wie die Resolution 1325 müssen explizit auf Frauen mit Behinderungen Bezug nehmen.

•Keine weiteren Ausreden zur Datenlage dulden: Das Fehlen einer vernünftigen Datenlage verhindert zielgerichtete Lösungsansätze. Hier müssen bereits vorhandene Statistikinstrumente konsequent angewandt werden.

•Expertise ernst nehmen und ermöglichen: Zu oft wird über statt mit Frauen und Mädchen mit Behinderungen gesprochen, Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen. 

•Frauen mit Behinderungen am Verhandlungstisch: Mitsprache ist das beste Rezept für Chancengleichheit. Die Staatengemeinschaft muss die Belange von Frauen und Mädchen mit Behinderungen aktiv mitdenken, einbringen und durchsetzen. Außerdem ist es ihre Aufgabe, Expertinnen mit Behinderungen einen Platz in allen Verhandlungen zu sichern.