Zum Inhalt springen

Flucht mit einer Behinderung: Davids Geschichte zeigt die Realität von Millionen Menschen

02.06.2026
Eine Familie lächelt in die Kamera. Ganz vorne sitzt der Vater, David. Er hat eine Sehbehinderung und trägt eine Sonnenbrille. Neben ihm sitzt sein fünfjähriger Sohn Peter. Er hat ein eingeschränktes Sehvermögen und Schwierigkeiten in der Schule. Gemeinsam mit ihrer Familie sind sie aus dem Sudan geflüchtet und leben in Flüchtlingslager Mangatten in Juba im Südsudan.
© Nema Juma/Licht für die Welt
  • Augengesundheit

Wenn Menschen vor Krieg, Gewalt oder Katastrophen fliehen müssen, verlieren sie oft alles, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat: ihr Zuhause, ihre Arbeit, ihr soziales Umfeld und die Sicherheit für sich und ihre Familie. Der Weg in eine ungewisse Zukunft ist von Angst, Entbehrungen und lebensgefährlichen Situationen geprägt.

Für Menschen mit Behinderungen sind diese Herausforderungen noch grösser. Sie stossen bei ihrer Flucht auf Hindernisse, die anderen oft verborgen bleiben: fehlende Informationen, unzugängliche Hilfsangebote oder Vorurteile, die ihnen den Zugang zu lebenswichtiger Unterstützung erschweren. In Krisen und Katastrophen können solche Barrieren schwerwiegende Folgen haben.

Die Geschichte von David Liep und seiner Familie zeigt, was das konkret bedeutet. Sie flohen aus ihrer Heimat Sudan in den Südsudan, als der Krieg ihr Leben bedrohte. Doch zur ohnehin gefährlichen Flucht kam eine zusätzliche Herausforderung hinzu: David ist blind, sein fünfjähriger Sohn Peter hat ein eingeschränktes Sehvermögen.

Eine Flucht ins Ungewisse

Ihre Flucht dauerte einen Monat. Zeitweise ernährte sich die Familie ausschliesslich von Tee mit Zucker. Die Erinnerungen an diese Zeit lassen David bis heute nicht los:

Am Anfang waren wir viele, doch als wir die Grenzstadt Renk im Südsudan erreichten, war das Auto fast leer. Viele junge Kinder waren weg. Ich habe lange an sie gedacht und mich gefragt, ob sie noch leben oder umgebracht wurden. Ich wünschte, ich könnte sehen. Meine Frau trägt die gesamte Last.

David Liep, Geflüchteter aus dem Sudan

David und seine Familie überlebten die gefährliche Reise und fanden schliesslich Schutz im Binnenflüchtlingslager Mangatten in der südsudanesischen Hauptstadt Juba. Doch auch dort ist das Leben von täglichen Herausforderungen geprägt.

Ein weißes Zelthaus im Flüchtlingslager Mangatten in der südsudanesischen Hauptstadt Juba.
In diesem Zelt leben David und seine Familie. © Numa Jema/Licht für die Welt

Menschen mit Behinderungen sind in Krisen besonders gefährdet

Schon im Alltag erleben viele Menschen mit Behinderungen Ausgrenzung und Diskriminierung. In Krisensituationen verschärfen sich diese Probleme oft dramatisch.

Schätzungen zufolge waren im Jahr 2025 rund 48 Millionen Menschen mit Behinderungen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen (UN) sind sie von Katastrophen überproportional stark betroffen und weisen teilweise eine bis zu viermal höhere Sterblichkeitsrate auf als Menschen ohne Behinderungen. Dennoch werden ihre Bedürfnisse bei der Katastrophenvorsorge und in humanitären Hilfsmassnahmen häufig nicht ausreichend berücksichtigt.

Welche Barrieren erschweren den Zugang zu Hilfe – auch bei einer Flucht mit Behinderung?

  • Institutionelle Barrieren
    Gesetze, politische Vorgaben oder etablierte Verfahren berücksichtigen die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen oft nicht ausreichend. Dadurch können sie von wichtigen Hilfsangeboten ausgeschlossen werden.
  • Umweltbedingte Barrieren
    Nicht barrierefreie Gebäude, unzugängliche Transportmöglichkeiten oder fehlende Unterstützungsangebote erschweren den Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung oder humanitärer Hilfe.
  • Kommunikationsbarrieren
    Wenn Warnhinweise, Informationen oder Hilfsangebote nicht in zugänglichen Formaten bereitgestellt werden, erreichen sie viele Menschen mit Behinderungen nicht rechtzeitig. Das kann ihre Sicherheit und Selbstbestimmung erheblich beeinträchtigen.
  • Vorurteile und negative Einstellungen
    Negative Einstellungen gegenüber und Stereotype von Menschen mit Behinderungen führen noch immer dazu, dass ihre Bedürfnisse übersehen werden. Dies verstärkt ihre Ausgrenzung und erschwert den gleichberechtigten Zugang zu Unterstützung.

Alltag im Flüchtlingslager

Auch im Flüchtlingslager Mangatten steht die Familie Liep vor grossen Herausforderungen. David kämpft mit hohen Lebenshaltungskosten, extremer Hitze und Angeboten, die für ihn als blinden Menschen oft nicht zugänglich sind.

Besonders sorgt er sich um seinen Sohn Peter. Der Fünfjährige besucht die Volksschule der Mangatten Academy im Lager. Seit seiner frühen Kindheit leidet er an Sehproblemen. Eine frühere Behandlung brachte keine Verbesserung, und die Einschränkungen begleiten ihn bis heute.

Wenn die Sonne zu stark scheint, beeinträchtigt das meine Augen. Manchmal tun sie dann weh und das Mitschreiben im Unterricht ist schwer.

Peter, Sohn von David

Direkte Hilfe schafft neue Perspektiven

Licht für die Welt unterstützt Menschen mit Behinderungen im Flüchtlingslager in Juba und wurde dabei auch auf die Familie Liep aufmerksam.

David und Peter wurden an eine Augenklinik in Buluk überwiesen. David erhielt dort einen Eingriff zur Verbesserung seiner Sehkraft, während Peter weiterhin medizinisch betreut wird. Auch Davids Frau Kinith Makuem erhielt Unterstützung: Durch ein Training konnte sie die Herstellung von Seife erlernen und sich damit eine eigene Einkommensquelle aufbauen.

Ein Junge in einem grünen T-Shirt lächelt sehr glücklich in die Kamera. Er hat Sehprobleme, doch ist jetzt in ärztlicher Behandlung. Hinter ihm sitzt seine Familie, sie lachen ihn an.
Peter ist entschlossen, seine Träume zu verfolgen. © Numa Jema/Licht für die Welt

Diese Hilfe verändert den Alltag der Familie Schritt für Schritt. Sie schafft neue Perspektiven und gibt Hoffnung für die Zukunft. Besonders Peter hat seine Träume nie aufgegeben:

Ich will wirklich gut sein in der Schule, weil ich Arzt werden will. Ich will meinen Vater behandeln können, der krank zu Hause ist, und andere Menschen im Spital. Aber als Erstes will ich meinem Vater helfen.

Peter, Sohn von David